Lieber Rolf Pester, am 28. September 1965 hoben Sie die Issumer Kantorei aus der Taufe und gründeten damit eine der längsten Chortraditionen im Rheinland, die in diesem Jahr damit ihr 60. Jubiläum feiert. Wie erinnern Sie sich an den Gründungstag der Issumer Kantorei und die allererste Zeit?
Im April 1964 wurde ich als Junglehrer der damaligen evangelische Volksschule Issum zugewiesen. Die Schule hatte sechs Klassen und stand unter Leitung von Hauptlehrer Günter Voelz. Ich durfte sofort einen Schulchor gründen und konnte bald zu einem „Offenen Singen“ in die Turnhalle einladen. Der evangelische Pfarrer für Issum, Wilhelm Assmann, fragte daraufhin an, und ich sagte ihm zu, die Chorarbeit in der evangelischen Kirchengemeinde wieder aufzunehmen. Die Kirchenmusik, also das Orgelspiel zum Gemeindegesang der evangelisch-reformierten Gemeinde lag seit Alter her in den Händen des Lehrers der evangelischen Schule. Einen Chor gab es allerdings erst seit 1890. Über seine Arbeit sind nur wenige Zeugnisse überliefert. Die lebendige und moderne Chorarbeit von Lehrer Horst Engelhardt erstarb mit dem Weggang des Chorleiters im Jahr 1958.
Ich machte mich im September 1965 auf die Suche nach den Spuren des früheren Chores. Die fand ich in einem Wandschrank im alten Kindergarten, der an der Stelle des heutigen Gemeindesaales stand. Die Bücher lagen unter dem abgebröckelten Putz der feuchten Wand und mussten zur Verwendung erst einmal neu eingebunden werden. Ferner fanden sich noch Mappen mit handgeschriebenen Noten für Jedes Chormitglied. Sie waren ehemals von Edith Trommershausen in Ermangelung geeigneten Notenmaterials mit Tinte und Feder gemalt worden. Nach Abkündigung und allgemeiner Bekanntmachung fanden sich am 29. September 1965 14 Sängerinnen und Sänger im Probenraum ein. Der befand sich oben rechts in der ehemaligen evangelischen Volksschule, Schulstraße, im Gebäude des heutigen Optikfachgeschäftes „Blickwinkel“. Ein Klavier gab es dort nicht, als Klavier“legastheniker“ kam ich aber mit der Stimmgabel recht gut zurecht. „Wat will dän Schnösel uns schon beibringe?“ hatte meine Mutter aus berufenem Munde vernommen. Immerhin: Es begann mit einem Kanon und „Wohl denen, die da wandeln“, einem vierstimmigen Satz von Heinrich Schütz. Bald kamen zu den neu gebundenen Büchern noch druckfrische Exemplare hinzu, denn der Chor wuchs bis 1971 in Zahl (35) und Leistungsfähigkeit. Im September 1971 haben wir möglicherweise die erste Schallplatte in Issum aufgenommen, mit einer Reihe von Schütz-Gesängen, darunter ein doppelchöriges „Jauchzet dem Herrn alle Welt“ (Psalm 100). Bei Aufführungen und schwierigen Vorhaben rief ich gern Musikfreunde aus Angermund oder Oberhausen hinzu, Sängerinnen und Instrumentalisten, in deren Chören ich selbst mitwirkte.
Welche Veranstaltungen, Ereignisse und Begegnungen in diesen 60 Jahre haben für Sie eine besondere Bedeutung?
Das sind Ereignisse sehr unterschiedlichen Charakters. Die Adventsmusik 1973 fand während der Ölkrise statt. Keine Autos fuhren, aber unsere Instrumentalisten durften mit Sondergenehmigung doch aus Duisburg anreisen.
Nachdem ich 1968 nach einer Ausbildung am Konservatorium Duisburg das C-Examen erworben hatte, blieben die großen Werke mit Orchester von Bach („Weihnachtsoratorium“, „Johannespassion“), Haydn („Messias“) und Mozart /“Krönungsmesse“) doch immer außerordentliche Herausforderungen. Der Respekt vor
der Bedeutung und den Hausausforderungen der Werke sorgte regelmäßig für psychischen Ausnahmezustand. Bei der ersten Aufführung des „Weihnachtsoratoriums“ von J. S. Bach erinnere ich mich: Nach meinem Einsatz für die Pauken war ich so überwältigt, dass mich erst der Einsatz der Streicher wieder daran erinnerten, wozu ich hier stand.
Tiefen Eindruck hinterließen auch stets die Ergänzungen großer Werke durch meine Kinderchöre aus Haupt- oder Grundschule. Bei den Chorälen in Reinhard Keisers „Markus-Passion“ konnte man wahrhaftig glauben, Himmelsklängen zu lauschen.
Nicht vergessen möchte ich die „Messias“-Aufführung von 1990, als sich für die Aufführung 102 Sängerinnen und Sänger von katholischem Kirchenchor, Kantorei und MGV Issum zum Lobe Gottes in der katholischen Kirche zusammengefunden hatten. Mit ökumenisch-musikalischen Begegnungen hat es nie Probleme gegeben. Zuletzt war es das Pontifikalamt mit Bischof Genn zum 600. Bestehen der Issumer Bruderschaft, das wir gern mitgestalteten.
Das Repertoire, das in den letzten 6 Jahrzehnten von Ihnen mit der Kantorei einstudiert wurde, umfasst unzählige große und kleine Werke aus allen Epochen der Chormusik. Welche Werke haben Sie besonders geprägt? Gibt es einen Komponisten, den Sie gerne persönlich kennengelernt hätten?
Werke, die man schon gut kennt, mag man oft besonders. Immer noch entdeckt man etwas Neues, hat Zeit, sich für die Wirkung der anderen Stimmen zu interessieren. Ich persönlich habe mir als Favoriten die „Böhmische Hirtenmesse“ von Jan Jakub Ryba ausgesucht. Vielleicht steht mir der Komponist als musikalisch engagierter Dorfschullehrer besonders nahe. Erst hatte ich Sorge, das Werk könne vielleicht verwöhnten Hörern gar zu volkstümlich, eventuell flach erscheinen. Eine herrliche Aufführung im nahen Büderich konnte mich überzeugen: Das ist schlicht und klangvoll, echt weihnachtlicher Geist! Dass ich dabei nicht nur als Dirigent, sondern auch als Bass-Solist mitwirken und durch die Geschichte führen konnte, war mir natürlich eine besondere Freude. So tauchte denn „Ryba“ ganz oder in Teilen wiederholt in unseren Adventsmusiken auf.
Chorkonzerte der Kantorei beschränken sich nicht nur auf die Darbietung anspruchsvoller kirchlicher Chormusik, sondern werden von Ihnen häufig auch mit erläuternden Erklärungen zu Komponisten und Werken begleitet (und das Publikum darf auch mal mitsingen). Wie wichtig ist für Sie dieser „pädagogische“ Teil der Chorarbeit?
Die reformierte evangelische Issumer Kirchengemeinde verfügt über eine Kirche, die den Ansprüchen dieser Konfessionsrichtung entspricht. Im Mittelpunkt steht die Kanzel für die Verkündigung. Statt des Altars gibt es einen verschiebbaren Abendmahlstisch. Der Einsatz eines Chores war ursprünglich nicht vorgesehen, ja sogar verpönt. Unser Chor arbeitet gewissermaßen in einem logistischen Provisorium. Wir singen von Gemeindeplätzen neben der Orgel oder entfernen bei Kirchenmusiken den Abendmahlstisch vor der Kanzel. Die Sitze für die Zuhörer müssen zusammengerückt und nach hinten verschoben werden. Exklusiv ist anders! So ist denn auch ein repräsentativer Einmarsch vor Beginn kaum möglich. Stattdessen „sickern wir ein“ und stehen zu Beginn plötzlich geordnet da. Ja, eine einheitliche Chorkleidung ist den Damen über Jahrzehnte nicht wichtig gewesen. Erst 2008 stifteten Chordamen entsprechende Schals, die nun bei besonderen Veranstaltungen die Einheit des Chores unterstreichen.
Dieser aus mancherlei Gründen eher schlichte Habitus im Auftreten hat eher einen Anflug von „Hausmusik“. Das macht sich auch in der Ansprache durch den Chorleiter bemerkbar. Er versucht, die Besucherinnen und Besuchern durch Begrüßung und persönliche Worte wie gute Bekannte für die Ausführenden einzunehmen. Gern begrüße ich die Gäste auch persönlich, bestücke sie mit Programm oder helfe zu einem Sitzplatz. Und: Wichtig ist, dass recht früh einmal gelacht oder wenigstens geschmunzelt wird. So haben alle mehr davon: Für das Hören langer Stücke und auch für das Singen schwieriger Arien.
Folgerichtig wird bewusst die Schranke von Hörenden hier und Ausführenden dort übersprungen, indem auch die Gäste zum Singen eingeladen werden. Selten wird beim Weihnachtsoratorium mit der Gemeinde gesungen. Aber: Es geht! Und: Es macht allen richtig Freude!
Ganz wichtig auch: die Mitwirkung des oder der Geistlichen. Die „Liturgische Begleitung“ verdeutlicht: Hier geht es um einen Gottesdienst. Geistliche Musik ist immer auch Gebet.
Folgerichtig sind darum die Issumer Kantorei-Veranstaltungen auch Veranstaltungen bei freiem Eintritt. Dass das in Issum über so viele Jahre möglich war, ist mir eine ganz große Genugtuung. Jeder darf eintreten, auch wenn er kein Geld hatte. Familien mit Kindern kommen nicht in Verlegenheit. Das ist allerdings ein Privileg unseres Chores in Issum, wo sich immer genug Sponsoren fanden, dass die anschließende Kollekte für eine ausgeglichene Bilanz sorgte. Dafür bin ich sehr dankbar! Dass das nicht überall möglich ist, ist mir klar. Aber sollte man es darum nicht versuchen?
Man spricht und liest viel über die positiven Auswirkungen des Chorsingens auf Körper, Geist und Seele und über die zunehmende Freude am Singen in einer Gemeinschaft aber auch über Chöre, die aufgeben müssen. Was waren für Sie die entscheidenden Gründe, dass die Issumer Kantorei in den letzten 60 Jahren so aktiv und lebendig geblieben ist?
Singen ist eine gesundheitsfördernde Tätigkeit. Da geht es um Körperhaltung, Atmung, Konzentration, Aufmerksamkeit und auch intellektuelle Beanspruchung, z. B. Training der Merkfähigkeit. Darüber hinaus freuen sich viele Chormitglieder, dass sie ihre Chorschwestern oder -brüder treffen und sich mit ihnen austauschen können. Die Pause ist von daher ein wichtiges integratives Element der Chorprobe.
Da wir schon lange miteinander singen, haben wir auch eine große Zahl von Mitgliedern mit enormer Mitgliedschaftsdauer. Wenige, die die 25 Jahre noch nicht erreicht haben, viele, die schon 40, 50, einzelne sogar 60 Jahre dabei sind, Wenn ich ganz viel Zeit habe, werde ich das mal ausrechnen.
Ganz wichtig: Es müssen immer wieder Ziele gesetzt werden, Langeweile wäre tödlich! Aber bei etwa 10 Gottesdienstgestaltungen und zwei Kirchenmusiken, sie wir pro Jahr durchführten, war die Gefahr sehr gering.
Am Samstag, dem 5. Juli 2025 findet um 17.00 in der Evangelischen Kirche das 130. Chorkonzert statt. Können Sie hierzu schon Einzelheiten verraten?
Ich habe dem Chor versprochen, dass es nach der hoch anspruchsvollen Weihnachtsmusik im Jahr 2024 jetzt etwas leichter werden soll, Werke, die bekannt sind und die erfahrungsgemäß besondere Freude bereitet haben. Wenn Sie kommen, erfahren Sie, was das ist!
Ich danke Ihnen für das Gespräch und wünsche alles Gute für das Jubiläumsjahr.